Peak Oil Vortrag von Paul Nellen in Tübingen

Paul Nellen, Ölschock (Germany)

Paul Nellen ist mehr oder weniger der einzige deutsche Journalist, der sich bis heute intensiver mit dem Thema Peak Oil beschäftigt hat. In seinen Radiofeatures Spurwechsel – Vor dem Übergang in die Nach-Erdölzeit (DLF 2006) und Out of Oil (WDR 2007) hat er die Stimmen führender – deutscher wie internationaler – Vertreter der Peak-Oil-Community einem größerem Publikum vorgestellt und sich intensiv mit den Lösungsansätzen beschäftigt, die in einzelnen US-Gemeinden vor Ort verfolgt werden.

Am 21. Januar 2009 hat Paul Nellen im Rahmen des Studium Generale „Peak Oil: Wege in die postfossile Gesellschaft“ an der Uni Tübingen unter dem Titel „Übertragbarkeit amerikanischer und britischer Strategien auf deutsche Verhältnisse“ den folgenden Vortrag gehalten:

… „The End of Suburbia“ hat den Blick auf Peak Oil erweitert: vom Treibstoffproblem, das die mobile Gesellschaft betrifft, hin zur umfassenden Infragestellung eines dank Erdöl völlig durchindustrialisierten Lebensstils. Im Falle einer anhaltenden Ölkrise dürfte nicht bloß die Ernährung der Menschen vor allem in den Ballungsgebieten gefährdet sein, auch die medizinische Versorgung, die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs und jene mit öffentlichen Dienstleistungen wären betroffen. In den USA gilt das besonders für die auswuchernden suburbanen Wohngebiete, in denen man, weil das nächste Fastfood-Restaurant oder der Supermarkt kilometerweit entfernt liegt, ohne PKW und je nach eigener Kondition praktisch zum Hungern verurteilt wäre, wenn eine Unterbrechung der Ölzufuhr die eigene Mobilität und den Nachschub an Lebensmitteln verhindert. In der Fläche sind die USA praktisch ohne öffentliches Verkehrsnetz.

Eines zeigte die Katrina-Katastrophe im August 2005 den Amerikanern deutlich: dass sie kollektiven existenziellen Krisen unvorbereitet und schutzlos ausgesetzt sind. Von der Politik, so der weithin kolportierte Eindruck, ist weder Hilfe noch ein Dialog über Szenarien zu erwarten, wie „End of Suburbia“ oder der Hirsch-Report sie entwerfen. Internetforen und lokale Peak-Oil-Gruppen sind in diese Lücke inzwischen eingesprungen. Während in NRW die Parlamentarier-Kommission seinerzeit weitgehend im Verborgenen des Landtagsgebäudes agierte und deren Befunde nicht einmal die Grünen zu einer Peak-Oil-Bewegung mobilisierten, machte sich im nordkalifornischen Städtchen Sebastopol der grüne Stadtverordnete und Ex-Bürgermeister Larry Robinson, 59, sehr konkrete Gedanken zu Peak Oil. Dann ergriff er selbst die Initiative zur Anfeuerung bürgerschaftlichen Bewusstseins. Politiker und Verwaltungen müssen jetzt selber tätig werden, erkannte er. Zitat:

„Eines der Dinge, die ich als Bürgermeister anregte war eine Bürgerversammlung zum Thema Peak Oil. Es kamen rund 200 Leute. Ein Vorschlag war, dass wir eine Bürger-Beratungsgruppe bilden, um einen langfristigen strategischen Plan für die Stadt zu entwickeln. Wir wollten unsere Peak-Oil-Verwundbarkeit erkennen und entsprechende Notfallpläne erarbeiten. Der Stadtrat ernannte also eine Beratungsgruppe von 10 Bürgern. Wir beauftragten sie, sich alle zentralen städtischen Dienstleistungen anzusehen und zu schauen, wie sich 5, 8 oder 12 Dollar pro Gallone bei ihnen auswirken würden und dann Notfallpläne auszuarbeiten.“

Dieses Modell fragt nach der Finanzierbarkeit und Aufrechterhaltung kommunaler Dienstleistungen unter verschiedenen Peakoil-Szenarien und bezieht dabei – ganz selbstverständlich – die Bürger selbst mit ein, nicht zuletzt, um sie auch zu Verhaltensänderungen bei der Nutzung fossiler Rohstoffe anzuregen. Die Initiation verläuft von oben nach unten, aber oft erst auf Druck von unten auf die Stadtverwaltungen und -parlamente. Weil in den USA die politischen Parteien traditionell schwach sind, wird das demokratische Vakuum stärker für die freie Assoziation von Menschen auf lokaler Ebene genutzt. Bürger selbst haben auf diese Weise in den letzten Jahren schon manches Rathaus zu einer Peakoil-konformen Vorsorgepolitik gedrängt, so etwa in San Francisco. Sie machen Druck, z. B. sog. „Peak-Oil-Resolutionen“ im Parlament zu verabschieden, gleichsam die offizielle Anerkennung des Ölfördermaximums als Planungsmotto und strategischer Leitlinie.

Dieser Teil der Bewegung glaubt weniger an originäre „leadership“ durch Politiker oder Verwaltungen, sondern hält sich an die alte Graswurzelmaxime: „When the people leads, the leaders follow“ – wenn das Volk führt, folgen die Führer. Der andere Teil der Bewegung versteht die Energiewende primär als Kulturwende, die die vergleichsweise kurze Ära der Globalisierung und des industrialisierten Lebensstils beenden wird. Ihr geht es nicht um die technische Verlängerung dieser Periode, sondern um ihre Abschaffung – „der Fußabdruck der Menschheit ist für den Planeten einfach zu groß geworden ist“, wie die Umweltstiftung WWF im „Living Planet Report 2008“ schrieb. Wozu dient uns die Energie? Wofür brauchen wir eigentlich die Mobilität? Geht es auch mit weniger, gesünderer, naturverträglicherer Ernährung? Das sind Fragen, um konkrete Veränderungen in kleinen, lokal vernetzten Experimentierzonen auszuprobieren. Konkrete Utopien im Nahbereich, um Pessimismus und Lethargie gar nicht erst entstehen zu lassen – zum Beispiel durch Initiativen zur Installierung von Solar- und Windkraftanlagen oder zur Einrichtung von Schrebergärten, in denen Früchte und Gemüse biologisch- organisch angebaut werden.

(22 January 2009)
Author Paul Nellen describes his talk as describing “the US and British Peak Oil movement and how we in Germany can learn from it.”

A long survey of peak oil, responses by the German Parliament, and what the Anglophones are up to. A very good summary from a German perspective.

If anyone is interested in translating this piece into English, we would be happy to publish the result. You can contact us at energybulletin@postcarbon.org . Two of us co-editors read German, but this is a big job. -BA and SO

UPDATE (Feb 20) EB contributor “Galacticsurfer” did a translation of the above excerpt. Thank you! (There is much more in the original German.).

UPDATE (Feb 24) A friend of author Paul Nellen did some tweaking on the translation. Thank you Peter d’E !

TRANSLATION

Paul Nellen, Oil Shock

Paul Nellen is more or less the only German journalist who has dealt intensively with the topic Peak Oil. In his radio features, “Changing Tracks – Before the Transition in the Post Petroleum Age” (DLF 2006) and “Out of Oil” (WDR 2007), he presented the voices of leading representatives – German and international – from the Peak Oil community to a larger public and dealt intensively with approaches pursued in individual US communities to solving problems associated with peak oil.

… On 21st January 2009, Paul Nellen made the following presentation, in the framework of his general study “Peak Oil: Ways in the Post Fossil Society,” at the University of Tubingen under the title “Transferability of American and British Strategies to the German Situation”:

… „The End of Suburbia“expanded the view of Peak Oil: away from a fuel problem affecting mobile society, towards comprehensive questioning of a completely industrialised lifestyle based on petroleum. A continuing oil crisis will affect not only the food supply, especially for urban populations, but also medical care, the supply of essential goods and public services. In the USA, this is true in particular for the spreading suburbs, in which one would be practically condemned to starve to death if an interruption of the oil supply impeded personal mobility and the supply of food, since the nearest restaurant or supermarket is often kilometres away. In America’s expanses, there is practically no public transportation network.

The Katrina catastrophe in August 2005 showed one thing to Americans clearly: that they are unprepared for and defenceless against collective existential crises. The impression exists from government that neither assistance nor a dialogue on scenarios is to be expected, just as sketched in “End of Suburbia” and the Hirsch Report. Internet forums and local Peak Oil groups have jumped into this gap in the meantime. While a North Rhine Westphalian parliamentary commission reacted in obscurity and failed to move the Green Party to respond to Peak Oil, in the northern California town of Sebastopol, the Green city assemblyman and ex-mayor Larry Robinson,59, was making very concrete statements about Peak Oil. He took initiative himself to key up public consciousness. He recognized that politicians and administrative authorities must be active themselves. Quote:

„One of the things which I as mayor stimulated was a meeting of citizens on the topic Peak Oil. About 200 people came. A suggestion was to form a citizen’s advisory group in order to develop a long term strategic plan for the city. We wanted to recognize our long term vulnerability and make corresponding emergency plans. The city council therefore named an advisory group of 10 citizens. We assigned them the task of investigating all important city services and to see how 5, 8 or 12 dollars per gallon would affect them and then make emergency plans.”

This model investigates the affordability and maintenance of city services under various Peak Oil scenarios and includes the citizens themselves as a matter of course, not least of all in order to induce behavioural changes in the usage of fossil fuels. The initiative goes from the top downward but often only after pressure from below on the city administration and assemblies. Because political parties are traditionally weak in the USA, the democratic vacuum will be more strongly used by free association of people on a local level. Citizens themselves have in recent years pressed in this way for a Peak Oil precautionary policy, as for example in San Francisco. They press in assemblies for passage of so-called „Peak Oil resolutions,“ amounting to official recognition of the oil supply peak as a planning motto and strategic guideline.

This part of the movement believes less in original „leadership“by politicians or administrations but rather holds to the old grassroots rule: „When the people lead, the leaders follow.“ Another part of the movement looks at the energy crisis primarily as a cultural turning point that will end the comparatively short era of globalization and industrialized life style. For them, it is not about a technical extension of this period but rather about its abolishment – „ The footprint of humanity has just become too large for the planet,” as the environmental foundation WWF wrote in „Living Planet Report 2008“: What good is the energy to us? Why do we need mobility? Can we survive with less food, grown healthier, more tolerant to nature? These are questions focused on concrete changes in small, local, networked experiment zones. We do not have to be pessimistic or lethargic about the concrete Utopias — for example, they may be sites for initiatives to install solar and wind power or establishment of allotment gardens in which fruit and vegetables are grown biologically and organically.


Ölpreisentwicklung

Andy Sommer (HSH Nordbank), Oil Markets Monthly, RohstoffWelt
Die Fördermengenkürzungen der OPEC konnten den seit Juli 2008 zu beobachtenden Sinkflug der Ölpreise stoppen. Momentan pendelt der Preis für die Ölsorte Brent um die 45 USD/Barrel und präsentiert sich damit ohne klare Richtung. Eine Aufwärtsbewegung ist derzeit nicht in Sicht, da die weltweit stattfindende konjunkturelle Talfahrt die Ölnachfrage sinken lässt und so auf den Ölnotierungen lastet. Negative Konjunkturnachrichten der letzten Zeit halten Ängste um eine weiter einbrechende Ölnachfrage aufrecht, insbesondere in den USA, dem weltweit größten Ölverbraucher. Die Preise für die Ölsorte WTI haben sich dagegen von der Entwicklung bei Brent abgekoppelt. Sie sind wieder unter die Marke von 40 USD/Barrel gefallen und notieren damit mit einem erheblichen Spread zu Brent.

Die Ölpreise sollten in den kommenden Monaten jedoch wieder aufwärts tendieren. Unterstützung dürfte dabei die weitere Implementierung der Fördermengenkürzungen der OPEC im Markt bieten. Darüber hinaus sind weitere Produktionsdrosselungen des Kartells auf ihrem Treffen Mitte März nicht ausgeschlossen, wenn sich die Ölnotierungen weiterhin so schwach präsentieren. Allerdings dürfte der Ölpreisanstieg sehr moderat verlaufen, da die wirtschaftliche Talfahrt stärker als erwartet auf der Ölnachfrage lasten wird.
(18 February 2009)


New German-language peak oil-aware newsletter now online

Dr. Steffen Bukold, EnergyComment
New and free professional newsletter on oil markets and oil politics

Hamburg-based EnergyComment announces its new professional and free newsletter “Global Oil Briefing” covering peakoil-related items, recent developments in oil markets and oil politics. It is published every twice a month and can be downloaded from the website www.energycomment.de. You may also choose to be notified of new editions by email. In its current edition it covers inter alia the crisis of the Canadian oilsands industry and the trends in oil demand. It is currently available in German only, but an English version is to follow soon.
(11 February 2009)
(Re-post from a few days ago). The 23-page German-language newsletter is online at http://www.energycomment.de/download/files/Global_Oil_Briefing_1.pdf .
More material is available on the Energy Comment site.

According to the About Us page, the group is independent and unconnected to any special interest. The founder and leader is Dr. Steffen Bukold.

Dr. Bukold’s two volume work is being published in 2009: Öl im 21. Jahrhundert

UPDATE (Feb 18)
The English translation of the newsletter is now available on the website.


Renewable energy is major source of carbon reduction in Germany: a response to the ‘Spiegel’ article

Astrid Schneider, Energy Bulletin
The magazine ‘Spiegel’ just published a very misleading article about renewable energy in Germany and it’s contribution to carbon emissions reduction, which was quoted on Energy Bulletin.

The author of the article is naming the German Green Party as a source, what is wrong – he did not quote any official statement nor German Green party position.

Here is what I as the speaker of the Energy Group of the German Green Party have to say:

Dear friends,

The quoted article from the magazine ‘Spiegel’ shows only one thing: how badly they are investigating the facts.

The opposite of the written is true. It is a simple lie. The e-mails quoted are not reflecting any official German Green Party statement or position.

Electricity by renewable sources does avoid carbon emissions each kilowatt hour.
(15 February 2009)